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Für Dialektik in Organisationsfragen

Karmann am Ende – „VW Osnabrück“ am Start

Christian Wulff wird als Retter von Karmann gefeiert“, so die „Osnabrücker Nachrichten“ am 22.11.2009 zum Beschluss des VW-Aufsichtsrates zur Gründung einer „Volkswagen Osnabrück GmbH“. Die Freude ist getrübt: Volkswagen übernimmt die Gebäude und Anlagen von der (nicht insolventen) Besitzgesellschaft „Karmann GmbH & Co KG“, nicht aber die (insolvente) „Karmann GmbH“ mit den arbeitenden Menschen. Die Unternehmenskonstruktion von Karmann macht es möglich (s. UZ, 17.04.2009).

„Osnabrück bleibt Autostadt“, so Karmann-Betriebsratsvorsitzender Wolfram Smolinski – trotz allem die erste gute Nachricht für die Region nach fünf Jahren Arbeitsplatzabbau. Ende 2004 arbeiteten bei Karmann noch 6.700 Menschen. Bei Volkswagen Osnabrück sollen in den nächsten Jahren 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen, die IG Metall rechnet mit weiteren 1.000 bei Zulieferern.

Die „Rettung“ kommt für viele zu spät: die ehemaligen Autobauer von Karmann stehen seit spätestens Sommer 2009 auf der Straße. In den übrigen Karmann-Sparten Dachsysteme, Entwicklung und „Metall-Gruppe“ arbeiten noch 1600 Menschen, 720 davon sind schon gekündigt. Viele hoffen, dass Volkswagen jetzt mit Aufträgen z.B. für Entwicklung oder Betriebsmittel ihre Abteilungen auslastet. Wie es für sie weitergeht, ob bei VW oder bei einem anderen Investor oder gar nicht, ist unklar.

Für die Azubis hat die IG Metall mit Volkswagen die Übernahme ihrer Ausbildungsverhältnisse und den Erhalt der Ausbildung auch in Zukunft vereinbart. In der Sparte Dachsysteme hoffen ca. 300 Beschäftigte auf den Verkauf an einen möglichen Investor. Die Zukunft aller anderen Ex-und Noch-Karmann-Beschäftigten ist weiter unsicher. Sie alle können sich bald auf die neuen Auto-Jobs in Osnabrück bewerben – doch vor allem Ältere befürchten dabei, „letzten Endes doch noch auf der Strecke zu bleiben“, so Elektriker Carlos Oliva (Neue Osnabrücker Zeitung, 21.11.2009).

Für die neuen Jobs gilt der „Sanierungstarif“: bis 2014 kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld, 5% weniger Monatslohn. „VW kommt vergleichsweise billig an einen flexiblen Standort für Kleinserien – ein Geschäft, das man aus betriebswirtschaftlicher Sicht machen kann, aber nicht machen muss“, kommentiert Stefan Winter in der HAZ (21.11.2009). Volkswagen steckt, auch mit Landesbeteiligung, als kapitalistischer Konzern in der Profitlogik („betriebswirtschaftliche Sicht“), in der Konkurrenz um Höchstprofite. Das belegen viele Auseinandersetzungen der Konzernspitze mit den Arbeitenden bei VW, in Deutschland und weltweit. Die „Rettung“ des Autostandorts Osnabrück als VW-Standort widerspricht nicht dieser Logik, folgt aus ihr aber auch nicht zwingend ...

Ohne die Landesbeteiligung am VW-Eigentum wäre „das größte ungelöste Problem der Landesregierung“ (Ministerpräsident Wulff über den Autostandort Osnabrück) „ungelöst“ geblieben: ohne öffentliches (Mit-)Eigentum kein Einbringen öffentlicher Interessen bei der VW-Standortplanung und kein Auftritt des Ministerpräsidenten als „Retter“ im Heimatwahlkreis Osnabrück. Dafür musste Christian Wulff sich über neoliberale Glaubenssätze („das regelt der Markt“, „Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht“) hinwegsetzen und Landesbeteiligung und VW-Gesetz verteidigen - gegen die Angriffe von Teilen der Porsche-Familie auf das VW-Gesetz, gegen deren Interessenvertreter in seiner CDU (Oettinger), gegen ähnliche Positionen in seiner Partei und beim Koalitionspartner FDP.

Auch in Osnabrück mussten private Kapitalinteressen überwunden werden: „Bis zuletzt hatten die Eigentümerfamilien um den Preis gepokert“ (HAZ, 21.11.2009). Am Ende schienen sie begriffen zu haben, dass sie ohne den Verkauf an VW auf einer wertlosen Industrie-Brache sitzen bleiben würden.

Die betroffenen Beschäftigten haben sich in den letzten Jahren mehrfach dagegen zur Wehr gesetzt, nach jahrzehntelanger Arbeit für Karmann und die Autokonzerne entlassen und von den Karmann-Eigentümern mit Billig-Sozialplänen abgespeist zu werden: mit Arbeitsniederlegungen, Demonstrationen, Mahnwachen, Delegationen zum IGM-Gewerkschaftstag, zum Niedersächsischen Landtag und zu anderen von Arbeitsplatzvernichtung bedrohten Belegschaften (Nokia in Bochum, Conti in Hannover) sowie mit anderen Aktionen.

Sie haben die Menschen in der Region mobil gemacht und mit breiter Solidarität von Verbänden, Kirchen, Sportvereinen und Parteien auch die Landesregierung immer wieder in die Pflicht genommen. Sie haben die Rolle der Karmann-Eigentümer öffentlich angeprangert, und einige von ihnen haben noch in den letzten Wochen mit Druck auf Daimler die drohende kurzfristige Schließung verhindert (s. UZ, 20.11.2009).

Ohne diesen Einsatz der Arbeitenden, ohne ihre Aktionen wären die Automobilarbeitsplätze in Osnabrück sang- und klanglos untergegangen. Darum muss, wenn vom „Retter Wulff“ die Rede ist, auch von ihnen gesprochen werden. Sie haben jetzt den Anspruch, bei der „Rettung“ nicht auf der Strecke zu bleiben...

Achim Bigus (aus UZ vom 11.12.2009)

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