Auszüge aus dem Gespräch zwischen Luis Corvalán (Vorsitzender der KP Chile) und Margot Honecker (ehemalige Ministerin für Volksbildung der DDR)[*]
Luis CORVALÁN: Sie waren Minister für Volksbildung in der DDR. Ich kann mir vorstellen, dass ihr da mit vielen Problemen konfrontiert gewesen seid, als es nach Kriegsende galt, die junge Generation in unserem Sinne zu erziehen. Könnten Sie damit beginnen, von den Schritten zu sprechen, die da gegangen worden sind?
MARGOT HONECKER: Wir nannten das die Demokratisierung der Schule und begannen damit, als das Territorium der DDR noch sowjetische Besatzungszone war. 1946 wurden die ersten Gesetze erlassen. Wir standen vor der Notwendigkeit, das gesamte Bildungs- und Erziehungswesen von seinem faschistischen und reaktionären Inhalt zu befreien. Im Potsdamer Abkommen wurde von den drei führenden Mächten der Anti-Hitler-Koalition 1945 für das künftige Deutschland festgelegt, die Voraussetzungen zu schaffen, „damit Deutschland niemals mehr seine Nachbarn oder die Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt bedrohen kann“. Die darauf basierende antifaschistische demokratische Schulreform gehörte zu den großen Umgestaltungsprozessen, die nur im Osten realisiert wurden.
LUIS CORVALÁN: Was habt ihr getan, um mit der antihumanistischen Erziehung, die während der Hitlerherrschaft praktiziert wurde, Schluss zu machen?
MARGOT HONECKER: Eine neue Schule setzte auch voraus, das uralte Bildungsunrecht besonders an den Kindern der Arbeiter und Bauern zu beseitigen. Alle Kinder sollten von nun an die gleichen Bildungschancen haben. Vor allem aber galt es, eine neue Lehrerschaft heranzubilden, die sich zum Humanismus und zur Demokratie bekannte. Eine einheitliche wissenschaftliche Bildung, eine Erziehung, die eng mit dem Leben verbunden ist, allen Kindern zu garantieren, das waren Ideen großer deutscher Pädagogen, die wir realisieren wollten. Die Älteren in der DDR erinnern sich noch heute der „Neulehrer“ von damals. Bekannte Wissenschaftler und Literaten hatten als Neulehrer begonnen.
LUIS CORVALÁN: Aber das brauchte sicher seine Zeit.
MARGOT HONECKER: Diese Schulreform war Teil des allgemeinen Wandels in der Gesellschaft. (...) Es entstand ein Schulsystem weltlichen Charakters, das zunächst eine 8jährige Pflichtschule zur Grundlage hatte. Später besuchten alle Kinder eine 10jährige allgemeinbildende Schule. Das Recht auf eine wissenschaftliche Bildung für alle war eine der unbestreitbaren Realitäten in der DDR.
LUIS CORVALÁN: Und die vorschulische Erziehung?
MARGOT HONECKER: Im Alter von 3 bis 6 Jahren konnten die Kinder, deren Eltern es wünschten, kostenlos einen Kindergarten besuchen. Bis 1989 besuchten 95 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe eine Vorschule. Sie wurden dort von gut ausgebildeten Kindergärtnerinnen betreut und in einem weiten Sinn auf die Schule vorbereitet. (...) Das alles vollzog sich im Zusammenwirken mit den Eltern. An allen Einrichtungen waren gewählte Elternvertretungen tätig, deren Wahlen mindestens alle zwei Jahre stattfanden.
LUIS CORVALÁN: Ich weiß, dass ihr der Berufsausbildung große Aufmerksamkeit geschenkt habt.
MARGOT HONECKER: Ja. Der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule folgten ein breitgefächertes System der Berufsausbildung oder verschiedene Wege der Vorbereitung auf das Studium an Hochschulen und Universitäten.
Die polytechnische Ausbildung in der zehnklassigen Schule, ein anspruchsvoller naturwissenschaftlicher Unterricht, die Vermittlung einer technischen Grundlagenausbildung, die mit produktiver Arbeit der Schüler verbunden war – ein Weg, der auch international stark beachtet wurde –, bot Voraussetzungen für eine Berufsausbildung, die der Entwicklung der modernen Industrie Rechnung trug.
Die Mehrheit der Schüler absolvierte eine zwei- oder auch dreijährige Berufsausbildung, in deren Verlauf sie in Berufsschulen, die von Betrieben oder von den Kommunen unterhalten wurden, einen Facharbeiterberuf erlernten. Ihnen standen danach verschiedene Wege zum Besuch von Fach- und Hochschulen offen. Alle Ausbildung war kostenlos.
Für einen Chilenen ist es sicher interessant zu erfahren, dass es selbst im kapitalistischen Deutschland vor 1945 trotz einer 8jährigen Schulpflicht auf dem Lande noch bis 1945 einklassige Schulen gab, in denen die Kinder vom ersten bis achten Schuljahr in einem Schulraum von einem Lehrer unterrichtet wurden. Da war man bis zur Mitte des Jahrhunderts dem von den Großgrundbesitzern formulierten Wort gefolgt: „Es genügt ein Ochse vor dem Pflug und einer hinter ihm“.
LUIS CORVALÁN: Und sicher hatte der Krieg auch seine Spuren in den Schulen hinterlassen ...
MARGOT HONECKER: Wir erbten in jeder Hinsicht chaotische Zustände. Im Frühjahr 1945 waren kaum noch Schulen intakt. Es gab weder Hefte noch Schulbücher, an Utensilien wie Schreibmaterial war nicht zu denken. Kurzum, es fehlte an allem.
1959 konnte nach einer öffentlichen Debatte ein „Gesetz über die sozialistische Entwicklung der Schule“ verabschiedet werden. Es orientierte auf eine höhere Qualität der schulischen Ausbildung. Damals wurde die 10jährige Schule zur Pflicht erklärt. Nicht alle waren von der Notwendigkeit der Verlängerung der Schulzeit überzeugt. Es gab Theorien von einem sogenannten Bildungsüberschuss. Auch ein Teil der Eltern, die selbst mit geringerer Bildung hatten aufwachsen müssen, bezweifelte zunächst, ob die Kinder wirklich so viel und so lange lernen sollten. Doch die Ansprüche an die Qualität der Tätigkeit am Arbeitsplatz wuchsen unterschiedlich, aber ständig. Und letztlich verlangte ja die demokratische Mitwirkung der Bürger, die im Sozialismus gefordert wird, mehr Wissen. Jeder versteht, dass eine 10jährige Ausbildung nicht zu realisieren war, ohne neue Schulen zu bauen. Eine große Zahl von Fachlehrern musste auf höherem wissenschaftlichen Niveau ausgebildet werden. Dabei standen wir immer vor der Wahl: Ein anderes wichtiges Objekt oder eine Schule zu errichten? Und nicht alle akzeptierten immer die Notwendigkeit, dem Bildungswesen den Vorrang zu geben.
LUIS CORVALÁN: Und in welchem Zeitraum habt ihr das realisiert?
MARGOT HONECKER: Es dauerte 15 Jahre, die 10jährige Schulbildung überall zu verwirklichen. Es dauerte seine Zeit, bis Bildung in der Gesellschaft den ihr zukommenden hohen Stellenwert erlangte, bis sie zum echten Lebensbedürfnis wurde. 1965 wurde von der Volkskammer das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ beschlossen, das die nächste Etappe im Bildungswesen einleitete. Es gab in den Städten und größeren Dörfern zehnklassige Schulen mit kurzen Schulwegen und ein dichtes Netz von Kinderkrippen und Kindergärten. Für Kinder aus kleinen Dörfern waren Zentralschulen eingerichtet worden, die die gleiche Ausbildung wie in der Stadt garantierten. Die Beförderung dorthin mit Schulbussen war auch kostenlos. Neulich schickte mir jemand aus Mecklenburg eine Zeitungsseite, auf der die erste ländliche Zentralschule abgebildet war. Sie wird jetzt geschlossen, weil es nicht mehr genügend Schüler dort gibt, um sie weiter zu unterhalten.
Ein anderer Aspekt: Wo neue Wohnungen errichtet wurden, mussten als erstes Schulen und Kindergärten gebaut werden, damit die Kinder zur Schule gehen konnten, wenn die Eltern in die neue Wohnung zogen. Das funktionierte keineswegs immer, wurde aber langsam dann doch zur Selbstverständlichkeit. Die Schulen pflegten im Lauf der Jahre Kontakte zu Betrieben oder Genossenschaften in der Umgebung. Das half, die Jugendlichen mit dem Ernst des Lebens vertraut zu machen. Diese Kontakte gingen hin bis zu gemeinsamen Feiern von Brigaden und ihren Patenklassen. (...)
LUIS CORVALÁN: Wie waren die Möglichkeiten für die Aus- und Weiterbildung von Erwachsenen, die im Beruf standen?
MARGOT HONECKER: Es gab viele Möglichkeiten für Weiterbildung. Überall existierten Betriebsakademien und Volkshochschulen. Für Frauen gab es Kurse mit erleichterten Studienbedingungen. (...)
LUIS CORVALÁN: Fragen der Erziehung und Bildung konfrontieren uns immer wieder auf neue Weise mit der Entwicklung. Das ist wohl international so.
MARGOT HONECKER: Die wissenschaftliche und technische Entwicklung, die Prozesse der geistig-kulturellen Entwicklung, die sich in der Welt vollzogen, zwangen Ende der 70er-Jahre, die pädagogische Praxis zu analysieren, Positives und Negatives festzustellen und gegebenenfalls neue konzeptionelle Überlegungen anzustellen. In einer Gemeinschaftsarbeit der Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und in der Praxis tätiger Pädagogen wurde ein neues Konzept der Allgemeinbildung diskutiert und erarbeitet. 1981 wurde mit ersten Veränderungen in der pädagogischen Praxis begonnen. Dabei waren theoretische Probleme zu klären, die weltweit diskutiert wurden und – so scheint mir – heute noch erörtert werden.
Da war zum Beispiel die Frage, wie allgemeinbildende Schulen auf die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen reagieren sollten, wie sie den Trends Rechnung tragen. Das Verhältnis zwischen Allgemein- und Spezialbildung, zwischen obligatorischem und fakultativem Unterricht wurde damals sehr kontrovers diskutiert. Die Mehrheit der Wissenschaftler und Praktiker plädierte für eine umfassende solide Allgemeinbildung. Ausgiebig diskutiert wurde die Notwendigkeit, mehr für die Entwicklung von Talenten und Begabungen zu leisten. Pädagogen und Psychologen, Schul-Theoretiker und Schul-Praktiker erörterten die Frage, wie die unterschiedliche kindliche Persönlichkeit besser im Erziehungsprozess entwickelt und gefördert werden kann. Dabei gingen wir selbstverständlich von der marxistischen Position aus, dass man im Lernenden nicht das Objekt, sondern das Subjekt der Erziehung zu sehen hat.
Diese Erkenntnisse in die pädagogische Praxis umzusetzen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Tausende Lehrer in der DDR, die sich ihrer Aufgabe mit Können und Liebe verschrieben, hatten dabei viel erreicht.
Dabei fehlte es noch an wissenschaftlichen Hilfen für die Lehrer und an Bedingungen, die den Lehrern mehr Zeit und Raum für ihre anspruchsvolle Arbeit geboten hätten.
LUIS CORVALÁN: Solche Probleme können nicht in wenigen Jahren gelöst werden.
MARGOT HONECKER: In den 40 Jahren DDR blieb manches Problem ungelöst. (...) Unser gesellschaftswissenschaftlicher Unterricht ließ zu wünschen übrig. Er vermittelte Wissen über die Gesellschaft, über ihre Entwicklung. Den Konzeptionen und auch den Schulbüchern mangelte es an der Vermittlung des Erkennens von Zusammenhängen und des Wissens darum, dass sich die Entwicklung in Widersprüchen vollzieht. Das erschwerte den Lehrern, ständig wechselndes historisches Geschehen verständlich zu machen. Die Lehrer wurden schließlich täglich mit den Fragen einer politisch interessierten Jugend konfrontiert.
(...) Aber nun noch ein paar Worte zum DDR-Bildungswesen. Manches sieht man mit größerem zeitlichen Abstand schärfer. Wie schon gesagt: Wir waren uns mancher Mängel bewusst. Wir zitierten oft Lenins Feststellung, dass jede Generation auf anderen Wegen zum Sozialismus kommt. Wir setzten allerdings oft Wissen und Erfahrungen voraus, die die in den Sozialismus Hineingeborenen gar nicht haben konnten, und oft gingen wir nicht auf die Erfahrungen ein, die die Jugend in der Wirklichkeit des Lebens machte. Solche Mängel und Fehler aber annullieren nicht die Tatsache, dass wenn von Menschenrechten die Rede ist, Bildung zu einem der grundlegenden Menschenrechte gehört. Und Bildungsmöglichkeiten waren in der sozialistischen DDR nicht nur auf dem Papier garantiert. An dieser Feststellung mache ich heute erst recht keine Abstriche. Es stimmt mich traurig, erfahren zu müssen, wie mit der Okkupation der DDR ihrer Schule viele Elemente des konservativen Schulsystems der BRD übergestülpt wurden. Und es empörte mich, dass Tausende erfahrener Lehrer aus dem Schuldienst gejagt und Wissenschaftler durch aus der BRD entsandte Leute ersetzt wurden. Renommierte Akademien wurden beseitigt und Universitäten „besetzt“. Das haben hier in Chile nur wenige erfahren, in meiner Heimat gerät diese „feindliche Übernahme“ mit der Zeit in den Hintergrund. Vergessen werden darf sie nicht. (...)
LUIS CORVALÁN: Macht Sie das pessimistisch im Hinblick auf die Zukunft?
MARGOT HONECKER: Unsere in den 80er Jahren eingeleitete Schulreform wurde durch die Ereignisse abrupt beendet. Aber ich bin ziemlich sicher, dass eine wirklich moderne Schule die Erfahrungen der DDR-Schule nicht ignorieren kann. In der Geschichte des deutschen Schulwesens haben fortschrittliche Pädagogen immer für die humanistische Bildung kämpfen müssen, haben sich für demokratische Reformen eingesetzt und sie auch gegen Widerstand durchgefochten.
* Louis Corvalán, „Gespräche mit Margot Honnecker über das andere Deutschland“, IV. Über die Volksbildung, Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, 2001, S. 55-69