Für Dialektik in Organisationsfragen

Spekulationsopfer: Diesmal die Deutsche Bank?

Die Deutsche Bank verliert in der kapitalistischen Konkurrenz. Der Aktienkurs ist auf historischem Tief, der Ruf ramponiert wie eh und je, die amerikanische Konkurrenz jubiliert und tritt nach, ein großer Apparat bringt wenig Profit. Warum steht die Lage der Deutsche Bank so im Gegensatz zum Krisengewinner deutsche Industrie?

Zum Redaktionsschluss (Fussnote: 01.12.2016) betrug die Börsenkapitalisierung, also der Gesamtwert aller Aktien der Deutschen Bank knapp 20 Milliarden Euro. Die Gewinnerwartung aus dem operativen Geschäft für das laufende Jahr ist etwa 1 Milliarde Euro Profit, was auch dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre entspricht. Das in der Bilanz verbuchte Eigenkapital der Deutschen Bank beträgt zum 31.12.2015 mit Euro 67,4 Milliarden also mehr als das Dreifache des Börsenwertes. Dies erklärt weitgehend den niedrigen Börsenkurs: Ein Gewinn von unter 2% auf das eingesetzte Eigenkapital fällt an der Börse durch. Der Wert des Eigenkapitals ist niedriger als die aufgedruckte Summe, dies drückt sich im Aktienkurs aus. Es resultiert keinesfalls allein aus Strafandrohungen in Höhe von 12,5 Milliarden Euro (Fussnote: 14 Milliarden US-Dollar), wenn dies auch für die Deutsche Bank keine Erdnüsse („Peanuts“) sind. Neben der Forderung der US-Justiz nach einer hohen Strafe im Zusammenhang mit der Ausgabe komplexer Wertpapiere im Zuge des bis 2008 boomenden US-Häusermarktes bestehen weitere Verfahren, unter anderem auch eines wegen Geldwäsche in Russland. Im Maximalfall bewirken diese Rechtsrisiken einen Verlust von geschätzt 10 Milliarden Euro im anstehenden Jahresabschluss 2016. Doch dies muss man als nur einen Schlag im Rahmen der Gesamtentwicklung sehen, ein Schlag seitens der Konkurrenz, bzw. deren Justiz. Auf dem absteigenden Ast war die Deutsche Bank schon länger.

„Starke deutsche Banken sind wichtig!“

Die Verunsicherung ist aber tatsächlich groß. „Die Industrie wird nervös“ titelt die Sonntags-FAZ ihren Artikel über die Deutsche Bank (Fussnote: FAZ Sonntagszeitung, 02.10.2016). Darin verlautet dann Daimler-Chef Dieter Zetsche: „Starke Deutsche Banken sind wichtig für eine starke deutsche Wirtschaft. Diese Verbindung ist eng. Und das wird so bleiben. (Fussnote: ebenda) Der BASF-Aufsichtsratsvorsitzende ergänzt: „Die deutsche Industrie braucht eine Deutsche Bank, die uns in die Welt hinaus begleitet… Die Nationalität des Finanzierers zähle auch in der globalisierten Wirtschaft: Die Machtspiele draußen im Markt sind nicht transparent, aber sie sind da. (Fussnote: ebenda) E.on-Chef Johannes Teyssen ergänzte: „Für eine so große Exportnation wie Deutschland wäre es schlecht, wenn wir den Zugang zu den weltweiten Kapitalmärkten nur noch über Banken in anderen Ländern sicherstellen könnten (Fussnote: ebenda). Deutliche und erstaunlich offene Worte, die enge Verbindung von Bank und Industrie wird wieder einmal unterstrichen. Ausgelöst wurde die Reaktion auch durch den Satz des Deutsche Bank-Chefs, die Deutsche Bank-Aktie sei zum Spielball von Spekulanten geworden (Fussnote: Nach FAZ 01.10.2016). Nach erster allgemeiner Heiterkeit über die Spekulationsangst der Spekulanten sollte diese doch der dialektischen Erkenntnis weichen. Kapitalismus heißt Spekulation, das Kapital spekuliert in alles und überall. Alles wird zur Ware und damit potentiell zum Spekulationsobjekt. Das gilt auch für die Aktie der Deutschen Bank. Bei schwindenden Profiten verliert das Kapital an Wert, die Börsenakteure trauen der Deutschen Bank nicht mehr zu, aus dem Geschäft der Organisierung der Spekulation ausreichende Erträge zu erzielen. Entsprechend war der Aktienkurs schon in den zwölf Monaten vor dem Tiefststand knapp halbiert worden, beim folgenden Ausschlag nach unten bezeichnete der Chef dies dann als „Spielball der Spekulanten“ …

Nullzins und andere Ursachen

Die aktuell im Raum stehende Strafzahlung in den USA ist also nur das letzte Glied einer längeren Kette. Gewichtige Entwicklungen der letzten Jahre sind für die Deutsche Bank jeweils negativ ausgefallen: die länger währende Nullzinssituation (teils sogar Minuszins), die staatliche und internationale Regulierung und die etwas spezielle Situation des Bankenmarktes in Deutschland.

Nullzins besteht vor allem in den meisten Euroländern (besonders extrem in Deutschland als Minuszinsen) und schon länger in Japan. In den USA, Großbritannien und weiteren Ökonomien ohne Eurowährung besteht kein Nullzins, gleichwohl sind auch die dortigen Zinsen niedrig. Ursache für Nullzins sind nicht zuletzt die zu Vermeidung von Bankpleiten oder Krisen bereitgestellten Mittel der Europäischen Zentralbank. Sie sollten Kreditvergabe und dadurch Wirtschaftswachstum fördern, was aber nicht funktioniert. Dennoch haben sich aus Angst alle Banken daran kräftig bedient und hocken nunmehr auf betriebswirtschaftlich betrachtet nicht erforderlichen, also überflüssigen Mitteln. Hierfür zahlen sie teilweise Strafzinsen (Minuszinsen) bei der Zentralbank oder untereinander. Die Verwendung im gedachten Sinne als Kredite stockt: die einen bekommen keine Kredite aus Risikogründen und die anderen wollen bzw. brauchen keine. Durch Nullzinsen verschwinden zusätzlich auch die Nebenerträge aus der Zusammenfassung und Anlage der Klein- und Kleinstguthaben, die auf vielen Girokonten zumindest vorrübergehend „herumliegen“. So geht im Ergebnis auch der Profit der Banken zurück, weil zu viel Kapital vorhanden ist. Übergeordnet betrachtet kommt die Überproduktion und die damit verbundene, permanente Krise in Form des massiven Kapitalüberschusses auch wieder in den Banken an. (Fussnote: Dies hat auch die Wechselwirkung, dass dadurch die Immobilienpreise und Aktienkurse in Richtung neuer „Spekulationsblasen“ angeheizt werden.)

Regulierung und Bankenretter Trump?

Die insbesondere nach 2008 verschärfte Regulierung (Erhöhung bestimmter Anforderungen an Mindesteigenkapital, Dokumentations- und Berichtspflichten) bedeutet auch einen nicht ganz unerheblichen Aufwand und kostet. Diese Regelungen folgen dabei ein bisschen dem Glauben, dass man Krisen verbieten könne, läuft sich aber oftmals tot in Bürokratie und wirkt als Klotz am Bein der Banken, da Geschäfte aufgrund rechtlicher und Haftungsrisiken weniger getätigt werden.

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ergibt sich für die Banken insgesamt eine leise Hoffnung auf Lockerung der regulatorischen Vorgaben. Trump hatte dieses im Wahlkampf angekündigt. Ob es hier eine Neufestlegung gibt, scheint sehr fraglich, und inwieweit dies nur den US-Bankenmarkt betrifft oder auch nach Europa ausstrahlt, ist völlig unklar. Dennoch stiegen die Kurse der Bankaktien nach der Wahl deutlich. Was aus diesen Hoffnungen der Aktienbesitzer wird, bleibt abzuwarten. Die Deutsche Bank hofft jedoch auf eine geringere Strafe in den Verhandlungen mit dem Justizministerium.

Daneben wirkte die US-Wahl zusätzlich auf den Kurs der Deutschen Bank (und Bankaktien allgemein) aufgrund der Ankündigungen Trumps, die Steuern massiv zu senken und mit höherer Staatsverschuldung Infrastruktur zu sanieren. Auch das ist natürlich sehr fraglich, aber höhere Staatsverschuldung in den USA würde neue Kredite bedeuten, endlich eine kleine Verwendung für den massiven Kapitalüberschuss weltweit. In der Folge hofft man auf wieder steigende Zinsen und die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt. Eine grundsätzliche Änderung der Lage ist jedoch hieraus nicht zu erwarten.

Wenn´s um Geld geht: Sparkasse

In Deutschland besteht noch die Sondersituation eines überdurchschnittlich großen Bankensektors in öffentlicher Hand in Form von Sparkassen und Landesbanken, zusätzlich haben die Volksbanken einen nennenswerten Marktanteil. Diese Situation führt dazu, dass im deutschen Inlandsmarkt die Erzielung des Maximalprofits für die Privatbanken wie die Deutsche Bank aufgrund der gegenüber anderen Ländern schärferen Konkurrenzsituation nicht gelingt. In der beschriebenen Situation tendenziell fallender Profite schwächelt somit der Heimatmarkt, obwohl sich das Gesamtkapital auf Kosten der anderen EU-Länder erweitert hat.

Wie üblich versuchte die Deutsche Bank dann im nächsten Schritt, die unzureichende Gewinnsituation im Inland durch verstärkte Auslandsaktivitäten auszugleichen. Das überschüssige Kapital wurde weltweit gerne verliehen so wie vor 2008 in den boomenden US-Häusermarkt oder als Staatsfinanzierung innerhalb der EU (Italien, Spanien, Griechenland etc.). Auch dies läuft bekanntlich nicht mehr, das jahrzehntelang einträgliche Bankgeschäft mit Staatsanleihen ohne Risiko ist eingeschlafen, die Staatsverschuldungen sind weitgehend am Anschlag.

Der allgemeine, schleichende Zusammenbruch weiter Teile des Kapitalmarktes, zumindest des Teils der Zinspapiere, ist somit Ausdruck des mangelnden Kreditgeschäfts. Die daraus folgende Nullzinssituation verstärkt die Tendenz noch. Die Ursache liegt dabei nur zum sehr kleinen Teil in der Geldbereitstellung der Europäischen Zentralbank, die Ursache liegt in der kapitalistischen Überproduktion und dem daraus folgenden Kapitalüberschuss. Auf diesem Hintergrund sind die Schwierigkeiten der Deutsche Bank momentan hervorstechend, könnten aber erst der Anfang einer weiteren Bankkrise zumindest im Euroraum sein. Für die Deutsche Bank kommt hinzu, dass die in früheren Jahren zeitweilig sehr ertragreichen Geschäfte in Russland und anderen osteuropäischen Ländern seit der Krise ab 2008 ebenfalls nicht mehr viel einspielen oder sogar Verluste brachten.

Wie verdient die Bank?

Das Bankgeschäft im Monopolkapitalismus kann grob in zwei Teile differenziert werden. Teil 1 ist das klassische, ursprüngliche, besteht aus Konten und Krediten, mit welchen realwirtschaftliche Güter (Maschinen, Immobilien, Waren) finanziert werden. Die Bank sammelt durch Spargelder die Mittel ein und leiht sie gegen Aufschlag (Kreditzins höher als Sparzins) wieder aus. Teil 2 wird modern als Investmentbanking bezeichnet, meint verschiedenste Aktivitäten vorwiegend in der Sphäre des fiktiven Kapitals, Aktienhandel, Optionsscheine, Derivate. Diese haben durchaus eine realwirtschaftliche Verbindung, entscheidend ist der abweichende Charakter. Beispielsweise geht es darum, Aktien und andere Wertpapiere an die Börse zu bringen, Unternehmenskäufe wie aktuell Bayer/Monsanto zu organisieren, Absicherungen gegen Währungsschwankungen anzubieten oder wie vor 2008 Kredite immer wieder neu zu verpacken und drei- und vierfach Wertpapiere daraus zu stricken. Hier gibt es die Möglichkeit, statt Zinserträge aus risikobehafteten Kreditgeschäften zu erzielen, üppige Gebühren einzunehmen und dabei scheinbar Risiken zu vermeiden. Klingt praktisch, ist es aber nicht. Zunächst braucht man einen nicht kleinen und überaus teuren Expertenapparat, der das Ganze erledigt, zum anderen ist das Geschäft stark schwankend, Zahl und Volumen von Unternehmenskäufen beispielsweise sind konjunkturabhängig.

An sich ist die Tendenz des Teil 2 schon sehr alt, Marx beschreibt das fiktive Kapital im 3. Band des Kapital, Lenin analysierte die Tendenz mit „Jede Bank wird eine Börse“. Beide unterstreichen, dass diese Entwicklung nichts Besonderes oder besonders Verwerfliches hat, sondern nur die Konsequenz darstellt aus dem Kapitalismus an sich, in welchem jeder Kapitalist immer auch ein Spekulant ist (Fussnote: Ein Industriekapitalist kauft eine Maschine und spekuliert damit darauf, die damit produzierten Waren gewinnbringend absetzen zu können. Der Immobilienbesitzer spekuliert darauf einen zahlungsfähigen Mieter zu finden. Der Kreditgeber spekuliert auf die Rückzahlung des herausgelegten Kredites zuzüglich Zinsen als Profit.). Insbesondere in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts feierten die Vertreter von Bankgeschäft Teil 2 sich als die kommenden Vertreter, die Teil 1 weitgehend ablösen werden, bzw. weitgehend bedeutungslos machen. Nur so könne man 15% Eigenkapitalrendite erzielen, Bankfilialen sind out und so weiter. Auch wenn das Internet die klassische Bankfiliale tatsächlich in ihrer Bedeutung zurückgedrängt hat, ist der Rest des Themas momentan überholt und von 15% redet kaum einer mehr. Die Deutsche Bank hat in dieser Gemengelage in den letzten Jahren eine Art Zickzack-Strategie verfolgt und dabei sicher auch einige interne Kämpfe durchlaufen, Kämpfe innerhalb des Monopols Deutsche Bank über die richtige Ausrichtung. Ein so großer Apparat wie die Deutsche Bank verliert dabei schon mal eine Menge Potential durch Reibungsverluste, zumindest im Inland war die sprichwörtliche Hochnäsigkeit ihrer Akteure zusätzlich bremsend, moderner Kunde ist aktiver Verbraucher und will auch so behandelt werden.

In der Entwicklung hat die Deutsche Bank in den 90ern zunächst den einfachen Kunden quasi als Störer mitsamt den betreffenden Angestellten in die „Deutsche Bank 24“ ausgelagert. So wollte man das klassische Filialgeschäft straffen und effektivieren, im Ergebnis kam es zu einer Ablehnung bei Kunden und Angestellten. Irgendwann wurde das dann wieder zurückgedreht, ein Teil der Strategen entdeckte die Bankfiliale als Verkaufstresen zurück. So kaufte man die Postbank als Tochtergesellschaft dazu, viele Konten mit angeblichem Potential zur Vermarktung von Geldanlagen und Krediten. Auch dies brachte nicht den Profit, Postbankkunden wollen in der Regel gerade wenig mit einer Bank zu tun haben und sich nichts aufschwatzen lassen, im Ergebnis steht die Postbank wieder günstig zum Verkauf und keiner will sie haben. Klassisches Bankgeschäft (Teil 1) also mal vor und dann zurück, zusätzlich von schlechtem Image und ungünstigen Rahmenbedingungen geprägt. Die Geschäftsstrategie im klassischen Geschäft war also widersprüchlich und brachte vergleichsweise wenig ein. Hier sind nun drastische Änderungen zu befürchten. Dies wird als Erste die Beschäftigten der Deutschen Bank treffen, die sich schnell bewegen müssen, denn traditionell ist die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder unter ihnen – mindestens in Deutschland – niedrig.

Also dann Ivestmentbanking?

Stärker als andere hat die Deutsche Bank dann in Teil 2 (Investmentbanking) investiert, einige Spezialbanken einverleibt und das Geschäft ausgeweitet. Dabei hat sie aber offensichtlich einen recht großen Apparat aufgebaut und dies nicht an die sich seit 2008 verändernden Bedingungen angepasst. Zusätzlich hat sie sich in verschiedene Aktivitäten verzettelt und sich dabei mehrfach erwischen lassen: Umsatzsteuerbetrug in Deutschland, bereits genannte Geldwäsche in Russland und unsaubere Konstruktionen in den USA. Bei Letzteren ist festzustellen, dass die amerikanische Justiz momentan heftig gegen deutsche Monopole agiert, neben dem VW-Abgasskandal ist die Deutsche Bank der zweite Fall innerhalb eines Jahres, der einem deutschen Monopol ernsthafte Probleme bereitet. Im Ergebnis ist die Deutsche Bank im Investmentbanking global durchaus in Teilen ein relevanter Akteur, insbesondere bei Derivaten. Derivat bedeutet „abgeleitet von“, heißt: ein Derivat bezieht sich auf Aktien, Währungen, Zinsen etc. ohne selbst solches zu sein. Ähnlich einer Wette erhält man eine Geldzahlung, wenn beispielsweise der Wechselkurs von Dollar zu Euro zu einem vereinbarten Termin eine festgelegte Höhe überschreitet. Diese Dinge können durchaus auch in realwirtschaftlichem Bezug eingesetzt werden (zum Beispiel wenn ein Exporteur für eine künftige Lieferung Währungsschwankungen ausschließen will), müssen sie aber nicht. Üblicherweise übernimmt die Deutsche Bank dabei aber nicht das Kursrisiko, sondern sichert sich auch wieder ab durch ein Gegengeschäft, Erträge erzielt man durch geringe Aufschläge auf beiden Seiten. Im Ergebnis erbringt das Investmentbanking der Deutschen Bank jedoch trotz zumindest in Teilen relevanter Marktpräsenz keine ausreichenden Profite für die gewünschte Kapitalverzinsung. Das Bild des aggressiven, aber schwerfälligen Riesen drängt sich auf. Dabei ist beachtlich, dass die Deutsche Bank bis zur 2008 beginnenden Krise der größte Währungshändler der Welt war. Hier haben ihr die US-amerikanischen Konkurrenten schrittweise deutlich Anteile abgenommen, ein weiterer Baustein der aktuellen Lage. Bei der lukrativen Finanzierung der Übernahme von Monsanto durch Bayer ist die Deutsche Bank wiederum außen vor, weil sie zuvor den Bayer-Konkurrenten BASF beraten hatte.

Wer braucht noch Industrie?

Neben den beschriebenen Bankaktivitäten (Teil 1 und 2) betrieb insbesondere die Deutsche Bank traditionell einen umfangreichen Teil 3, nämlich diverse Beteiligungen an Industrie- und anderen Gesellschaften, vorwiegend Aktiengesellschaften. Hervorstehend war dabei der 20%-Anteil an Daimler, aber auch der Rest las sich als Auflistung wichtiger Teile der deutschen Großindustrie. Vor 20 Jahren summierten sich diese Beteiligungswerte auf über 20 Milliarden Euro und dokumentierten deutlich die Verflechtung von Bank- und Industriekapital (Finanzkapital). Innerhalb der beschriebenen Neuausrichtung wurden diese Beteiligungen als nicht ausreichend profitabel eingestuft und schrittweise veräußert, unter Hilfe der Bundesregierung Schröder zeitweilig sogar mit steuerfreiem Gewinn. Und wieder aufs falsche Pferd gesetzt: Ein Großteil der Beteiligungen ist heute deutlich mehr wert als zum Verkaufszeitpunkt und würde angesichts von Nullzinsen schon über die Dividendenausschüttungen Einiges einbringen. Es ist wie immer: Auch die größten und bestbezahlten Strategen können auch bei einer Deutsche Bank voll daneben hauen, nach über 100 Jahren überzeugten sie die Entscheider, die Industriebeteiligungen der Deutschen Bank zu beenden.

Einige Linke sahen darin schon das Ende von Lenins Imperialismustheorie, die Verflechtung von Bank und Industrie wird beendet, die sogenannte Deutschland AG löst sich auf. Die Verflechtung kann dabei aber ebenso über Kreditvergabe und andere Abhängigkeiten bestehen, aktuell könnte sich sogar die Umkehrung der Beteiligung ergeben: Die deutschen Industriemonopole werden Großeigentümer der Deutschen Bank. Dialektik ist immer und überall: Die ehemaligen Beteiligungen der Bank würden Beteiligte an der Bank, beides ist Verflechtung und steht dem Imperialismus nicht entgegen, die Verflechtungen im Imperialismus sind ohnehin verschieden ausgeprägt (beispielsweise im Vergleich USA, Deutschland und Japan).

Es wird ernst

Insbesondere die amerikanische Konkurrenz fällt nun über die derzeit angeschlagene Bank her. Die deutschen Industriemonopole wiederum schreien auf und fordern eine große Deutsche Bank zur Unterstützung ihres Waren- und Kapitalexports. Die Deutsche Bank selbst verhandelt mit dem US-Justizministerium, um eine Reduzierung der Strafe zu erreichen. Der Ausgang ist offen. Unter anderem soll eine Auflage bei den Verhandlungen um die Reduzierung der Strafe der Rückzug der Deutschen Bank aus einigen Geschäften in den USA sein. Im für die Deutsche Bank nicht unwahrscheinlichen, ungünstigen Fall, wird sie eine Eigenkapitalerhöhung brauchen. Das wird auch möglich sein, nur sind die Bedingungen dann denkbar ungünstig, neues Kapital sozusagen zum Schnäppchenpreis. Das missfällt den heutigen Aktionären, deren Kapitaleinsatz erstmal geschwunden ist. So wird nunmehr eine Staatsbeteiligung diskutiert, was schon historisch und bemerkenswert wäre. Auch die Zwangsfusion mit der schwächelnden Commerzbank ist im Gespräch. Daneben oder in Kombination steht im Raum, dass sich deutsche Industriemonopole nennenswert an der Deutschen Bank beteiligen. Wie ernsthaft dies ist, ist schwer einzuschätzen. Der Preis wäre wie erwähnt selten günstig, die Milliarden könnten Siemens, Daimler und wie sie heißen durchaus aufbringen. Mit all diesem ist kein Untergang der deutschesten aller Banken zu erwarten. Zu erwarten ist, dass sie nach diesem Schlag versucht wiederzukommen und das wird aggressiv sein müssen, wenn es erfolgreich sein soll.

An verschiedenen Punkten führt die Krise in EU und insbesondere Euroraum zur Lage der Deutschen Bank: Die Nullzinsen, das Ende der „Zinsmaschine“ Staatsverschuldung, die geringere Absatzfinanzierung in der EU, die Tatsache, dass die EU ein fragiler Staatenbund ist. Mit der Krise hat der deutsche Imperialismus seine Vorherrschaft in Europa deutlich ausgebaut und damit auf dem Bankensektor gleichzeitig eine Grenze erreicht: Griechenland konnte beispielsweise nur Waren einführen, solange sie diese aus neuen Krediten bezahlen konnten. Die deutsche Industrie hat den Exportrückgang innerhalb der EU hingegen durch andere Absatzmärkte ausgeglichen, zuletzt insbesondere durch höhere Warenexporte in die USA. Die Deutsche Bank scheint ihren Rückgang durch die Eurokrise nicht ausgleichen zu können. Und sie stößt auf härtere Konkurrenz, insbesondere in den USA.

Die Entwicklung der Deutschen Bank ist somit eine Schlacht im Krieg der Imperialisten, in ihrem Kampf um die Beute, die immer zu klein ist für alle. Der Bankensektor hat dabei trotz seiner immensen Macht und Bedeutung in der derzeitigen Phase Schwierigkeiten, die Rendite aufrecht zu erhalten, der Kapitalüberschuss bremst die Kapitalverwertung. Die Deutsche Bank hat dabei mittlerweile einige Nachteile gegenüber der Konkurrenz, es gab verlustbringende Fehlentscheidungen und es fehlt die klare Ausrichtung. Die Herrscher über Europa waren zu groß und siegessicher. Die daraus folgende, aktuelle Schwäche versucht insbesondere die US-Konkurrenz auszunutzen. Die Deutsche Bank wird zwangsläufig aggressiv reagieren, das deutsche Finanzkapital als Verflechtung von Bank- und Industriekapital rückt näher zusammen.

Rolf Fürst

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Neulich beim Wirtschaftsrat der CDU. Cryan (Deutsche Bank): „Wir wissen nicht wohin mit unserem Reichtum! Mach was, Schäuble!“ Schäuble: „Mir schwebt schon was vor: Arbeitszeit und Rentenalter rauf, Hartz-4-Sätze runter, Flüchtlinge abschieben, die anderen Euro-Länder dissen bis zum Kollaps, und so weiter …“

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Ratlosigkeit: Mit der Krise hat der deutsche Imperialismus seine Vorherrschaft in Europa deutlich ausgebaut und damit auf dem Bankensektor gleichzeitig eine Grenze erreicht.

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Wer sich weiter mit dem in diesem Artikel angesprochenen „fiktiven Kapital“ beschäftigen möchte, dem können wir die KAZ Nr. 298 (Mai 2001) anbieten. Dort werden ausführlich die materiellen Grundlagen und Entwicklungen dieses Phänomens untersucht.

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Die Entwicklung der Deutschen Bank ist eine Schlacht im Krieg der Imperialisten, in ihrem Kampf um die Beute, die immer zu klein ist für alle. Aufhalten und beenden kann dieses blutige Geschäft nur eine geeinte Arbeiterklasse.